YouTuber Tommy Toalingling im Interview

Sascha/ Oktober 23, 2021/ Interviews

Mit seinem Format “der erste Schwultag” erreicht Tommy jeden Sonntag seine 111.000 Abonnent:innen und informiert mit einer Prise Ironie und jeder Menge Witz zu verschiedenen Themen der LGBTQI+ Community. Aufgelockert durch Storytime-Videos, lustige Jodel-Zitate und vielseitige Gäste kann jede:r etwas in seiner Schwul-School lernen.

In deinen Storytime-Videos hattest du schon kurz angedeutet, dass wir deinem Mann und deiner Fernbeziehung deine Schwul-School zu verdanken haben.
Ja, das ist richtig. Ganz am Anfang habe ich meine YouTube-Videos nur hobbymäßig für Freunde gemacht. Man selber findet sich witzig, schickt es dann zwei Freunden und davon schaut es am Ende einer an. Es war also wirklich nur so ein Hobby-Ding. Mein Mann, damals noch mein Freund, war total begeistert und fand es super, da ich mich auf YouTube so kreativ entfalten konnte. Er hat mich sehr bestärkt, weitere Videos zu machen. Und nachdem wir in Irland zusammengezogen waren, hatte ich auch die Möglichkeit mich stärker damit zu beschäftigen. Ich habe es jedoch weiterhin nur als Hobby gemacht, weil mir eine gute Ausbildung wichtig war. Ich habe mich einfach nicht als Vollzeit-YouTuber oder Influencer gesehen. Nach meinem Umzug nach Hamburg und der zweiten Fernbeziehung innerhalb unserer Beziehung, hat sich die Möglichkeit ergeben, dass ich es in meinen Beruf mit einbinden kann. Zusätzlich zu meinem normalen Job habe ich nun die Möglichkeit meine Videos professionell zu produzieren. Die werden dann auch von meinen Kollegen geschnitten, so fällt für mich diese Aufgabe und der Stress weg, so dass ich mich um Dinge kümmern kann, in denen ich besser bin.

Was sind Dinge, die du besser kannst als Videos schneiden?
Reden! Sehr viel reden (lacht). Ich kann zum Beispiel besser schreiben als schneiden. Ich weiß zwar genau, wie das dann im Endeffekt aussehen soll, aber mir die Skills anzueignen, würde viel zu viel Zeit beanspruchen. Die Zeit kann ich besser nutzen, um andere Videos vorzubereiten oder Community Management zu betreiben. Ich beantworte beispielsweise alle Nachrichten, die mir bei Instagram geschickt werden. Und das mache ich super gerne!

Kontakt zu halten, zum Beispiel in einer Fernbeziehung, ist dank der sozialen Medien deutlich einfacher, als noch vor einigen Jahren. Ist Online inzwischen die erste Wahl um neue Leute kennenzulernen?
Ich würde sagen ja. Wenn ich mich umschaue, in meinem Freundes- oder meinem Bekanntenkreis oder selbst wenn ich die Kommentare lese, ist es tatsächlich so, dass im wesentlichen die Leute ihre Bezugspersonen, ihre:n Partner:in online kennenlernen. Das liegt im vor allem daran, das man im Alltag nicht so gut und einfach die Möglichkeit hat. Es ist im meist nicht so einfach fremde Leute anzusprechen, wenn man nicht vorher weiß, ob die Personen ebenfalls homosexuell ist. Da ist es bei den Heterosexuellen deutlich einfacher, das trifft nunmal auf den Großteil unserer Gesellschaft zu. Da reichen dann ein zwei Blicke. Aber beispielsweise als Junge, der vielleicht noch nicht geoutet ist, ist es super schwer einen anderen Jungen oder Mann anzusprechen. Du traust dich in der Situation natürlich auch nicht, einfach zu fragen. Deshalb ist Online eine gute Möglichkeit (gleichgesinnte) Menschen kennenzulernen und Kontakte aufzubauen. Oder auch den Kontakt zu halten. Das wäre früher nicht so einfach möglich gewesen und hat auch mir in meiner Fernbeziehung sehr geholfen. Ich kann die Tage an meinen Fingern abzählen, an denen ich keinen Kontakt zu meinem Freund hatte.

Inzwischen seid ihr nicht mehr in einer Fernbeziehung, sondern wohnt wieder zusammen und seid nach 12 Jahren Beziehung nicht mehr Freund und Freund, sondern Ehemänner. War es dir wichtig zu heiraten oder wäre das nicht nötig gewesen?
Als homosexuelle Paare noch nicht heiraten durften, war es mir unendlich wichtig zu heiraten. Ich wollte das unbedingt und meinte, dass ich bzw. wir heiraten würden, sobald es legal wäre. Und als es dann 2017 so weit war, war dieser Muss-Druck nicht mehr da. Wir wussten schließlich, dass wir zusammengehören und dass wir auch zusammen bleiben. Dabei hat so eine Ehe einen noch viel, viel größeren Vorteil. Es gibt mehr Rechte und Möglichkeiten. Sei es in der Zukunft, wenn wir vielleicht Kinder adoptieren möchten oder wenn etwas gesundheitliches passiert. Da ist es deutlich einfacher, das innerhalb einer eingetragenen Ehe zu regeln, als wenn man “nur” der Freund von jemandem ist. Dafür habe ich keinen rechtlichen Beweis. Es lässt sich deutlich einfacher beweisen, dass wir verheiratet sind. Wir wollten nicht nur dieses verstärkte Gemeinschaftsgefühl, zusammengehörende Ringe, sondern uns im wesentlichen auch absichern. Es ist beispielsweise als Ehepartner deutlich einfach jemanden im Krankenhaus besuchen zu dürfen oder Entscheidungen zur Pflege zu treffen.

Wie lange hat es schlussendlich vom Antrag bis zur Hochzeitsfeier gedauert?
Das war wirklich lang. Im Mai 2015 hat er mir den Antrag gemacht. Eigentlich hatten wir vor im selben Jahr zu heiraten. Aber dann bin ich nach Hamburg gezogen und es war komplizierter einen Termin zu finden. Auch die Ungewissheit mit zwei Wohnungen in zwei Städten, bleibe ich in Hamburg, werden wir bald wieder zusammen ziehen und wo wird das dann sein. Also haben wir uns entschieden erstmal zu warten. Schließlich haben wir uns relativ spontan entschieden Corona zu nutzen. Es war deutlich einfacher einen freien Termin zu bekommen, weil alle anderen ihre großen Feiern absagen mussten, und außerdem wollten wir dieses schreckliche Jahr zumindest mit einem schönen Erlebnis beenden. Zwischen dieser Entscheidung bis zum tatsächlichen Termin ist dann kein Monat vergangen.

Bitte vervollständige die zwei folgenden Sätze: In einer Beziehung ist wichtig……
…dass man sich bedingungslos vertraut und ehrlich miteinander ist. Ich glaube, es gibt nichts wichtigeres als Ehrlichkeit und das kann ich nur immer wieder sagen, Ehrlichkeit und Kommunikation. Wenn man sich in irgendeiner Weise irgendwo bei einer Mini-Kleinigkeit unwohl fühlt, sollte man das offen kommunizieren. Weil nur dann kann man gemeinsam als Paar an das Problem herangehen und gemeinsam daran arbeiten. Eine Beziehung ist immer eine gegenseitige Vorteilsnahme. Jeder hat einen Vorteil. Wenn man irgendwann das Gefühl hat, man gibt mehr als man bekommt, nicht materiell sondern vom Energie-Gefühl, dann sollte man auf jeden Fall schleunigst darüber reden und sagen: ”Hey, irgendwas stimmt hier in dieser Beziehung nicht. Ich gebe vielmehr”. Eine Beziehung sollte sich für beide immer mega gut anfühlen.

Der perfekte Partner sollte……
… weder auf dem Papier noch im Kopf existieren. Weil wir Menschen neigen dazu, uns etwas auszumalen, was der Partner erfüllen muss. Mit diesen krassen Erwartungen wird es nur schwieriger den oder die Richtige:n zu finden. Beim Dating kann man dann nicht einfach frei drauf los daten, sondern geht innerlich erst die Erwartungs-Liste durch und ist in diesem Raster gefangen, so dass man nicht zulässt das Date richtig kennenzulernen. Das macht das Dating dann immer schwerer und langatmiger. Wenn man allerdings jemanden näher kennenlernt, weil die Chemie stimmt, dann kann man gucken, ob sich daraus eine Beziehung entwickelt. Es kann sein, dass das Date nicht der Traumpartner ist, aber wenn man es ausprobiert, kann daraus eine wundervolle Beziehung entstehen. Man sollte niemals versuchen den Partner zu beeinflussen und zu verändern, um ihn “perfekt” zu machen. Wir verändern uns so oder so und man sollte gucken, wie sich diese Veränderung entwickelt.

Wenn es doch nicht 100%ig passt, “öffnen” einige Paare ihr Beziehung. Ist das Modell der offenen Beziehung eher verbreitet in queeren Beziehungen?
Ja das ist viel verbreiteter. Ich vermute, dass liegt daran, dass Sex bei gleichgeschlechtlichen Partnern viel präsenter und viel häufiger Thema ist, als bei heterosexuellen Paaren. Das ist beispielsweise auf schwulen Partys bemerkbar. Da wird man teilweise sehr direkt gefragt, ob man Lust auf Sex hat und da wird es auch einige geben, die dann am selben Abend zusammen nach Hause gehen. Wenn man das vergleicht: Wie oft wird man als verheirateter heterosexueller Mann, auf einer heterosexuellen Party gefragt, ob man Lust auf Sex hat? Nicht so häufig vermute ich. Da sind die Homosexuellen deutlich ehrlicher, direkter und lockerer. Es ist ein allgegenwärtiges Thema und deshalb auch einfach deutlich präsenter. Und ich vermute, weil mehr darüber gesprochen wird und so die verschiedenen Wünsche und Grenzen geklärt werden, haben auch mehr homosexuelle Paare eine offene Beziehung. 

Ob diese Offenheit dann in der eigenen Beziehung funktioniert, muss jedes Paar selbst entscheiden, denn es hat wieder mit Ehrlichkeit und Vertrauen zu tun. Sobald etwas hinter dem Rücken des Partners passiert oder wenn das Gefühl entsteht, du seist in deiner Beziehung gefangen und die Beziehungen gibt dir nicht das, was du was du brauchst, solltest du das ansprechen! Ich kann das Beispiel von der Webserie Kuntergrau nennen. Da war genau das Thema. Der eine wollte beim Geschlechtsverkehr ausgepeitscht werden und das konnte der andere einfach nicht bieten, weil das war nicht er. Deshalb haben sie ihre Beziehung geöffnet. Wenn man offen darüber kommuniziert und dann weiß, ich kann meinem Partner das nicht geben, aber ich möchte es ihm auch nicht verwehren, dann kann man gemeinsam einen Ausweg suchen. Und wenn dann einer merkt, dass es sich damit doch nicht wohl fühlt, dass müssen sie entweder die Beziehung beenden oder das Öffnen wieder zurücknehmen.

Du hattest gerade erwähnt, dass das Thema Sex bei homosexuellen Männern deutlich präsenter ist. Spiegelt sich das auch schon beim Dating, beispielsweise bei den verfügbaren Dating-Apps wieder?
Ich habe mal einen Schwultag zum Thema Online-Dating gemacht (lacht). Die Apps sind halt auch sehr auf diese Sex-Suche ausgelegt. Du kannst beispielsweise in deinem Profil Angaben zu sexuellen Vorlieben machen oder deine Geschlechtsorgane beschreiben. Das geht sehr in die Richtung. Wie gesagt, das Thema ist die ganze Zeit allgegenwärtig. Selbst wenn du nicht explizit danach suchst, wirst du damit konfrontiert. Und das werden wir auch nicht so einfach wegkriegen, im Gegenteil. Ich glaube, wir könnten der heterosexuelle Welt vielleicht ein Beispiel für mehr Offenheit sein. Wenn es beiden nur um Sex geht, könnten sie sich viel Geld und 20 Dates sparen. 

Andererseits können sich viele homosexuelle etwas von hetersosexuellen Beziehungen abschauen. Dort wird viel häufiger gemeinsam an Problemen gearbeitet und gesprochen. 

Das fällt vermutlich einfacher, wenn man auch schon verschiedene Lebenserfahrungen gemacht hat, wie es beispielsweise bei mir und meinem Mann war. Ich hatte vor ihm schon eine Beziehung und konnte etwas Beziehungserfahrung einbringen und er konnte dafür Lebenserfahrung einbringen. Er war damals für mich ein sehr guter Ankerpunkt. Ich glaube, es ist viel schwieriger, wenn beispielsweise zwei 15-jährige zusammenkommen, weil keiner von den beiden Erfahrungen hat. Ich möchte jetzt niemandem die Hoffnung nehmen, aber nur ganz ganz selten ist die allererste Beziehung auch die, die bleibt. Dementsprechend muss man sich aber auch nicht festlegen, dass muss jetzt der Mann oder die Frau fürs Leben sein. Man muss sich erlauben Fehler zu machen, sich erlauben, Beziehungen auszuprobieren und dann funktionieren sie vielleicht auch mal nicht. Dann arbeitet man daran und es funktioniert nicht. Man hat geredet und es klappt nicht, dann ist es leider so. 

Wenn du in der Zeit zurückreisen könntest, würdest du dann alles genauso machen oder würdest du bezüglich deines YouTube-Kanals oder deiner (Fern-)Beziehung etwas ändern?
Ich sage immer, es ist alles so gut, wie es gelaufen ist, weil ansonsten hätte ich auch nicht meine Erfahrungen gesammelt und wäre nicht zu dem Menschen geworden, der ich jetzt bin. Aber ich hätte mein früheres Ich etwas mehr motivieren und antreiben sollen. Ich hätte ihm geraten: “Hey, mach doch einfach! Trau dich die Ideen umzusetzen, die du im Kopf hast!” Die Idee von meinem Format “der erste Schwultag”, den ich nun seit drei Jahren produziere, habe ich schon seit acht Jahren. Ich wollte das schon immer machen, mit den Kapitel zu einzelnen Themen usw. Der Titel war das erste, was ich damals im Kopf hatte. Bei mehreren Produktionsfirmen habe ich meine Idee gepitcht. Aber es kam nicht so gut an, es passte scheinbar nicht in deren Plan für die damalige Zeit. Das Thema Homosexualität war allgemein noch nicht so präsent. Es wurde von den Firmen immer als unwichtig abgetan, weshalb ich es dann einfach auf eigene Faust gemacht habe. Aber es war nie “der erste Schwultag”, wie ich ihn mir im Kopf vorgestellt hatte. Mein jetziger Arbeitgeber hingegen war direkt begeistert von meiner Idee und meinem ausgearbeiteten Konzept. Deshalb würde ich gerne meinem früheren ich sagen “Mach es! Trau dich! Es wird auf jeden Fall erfolgreich sein. Es wird dir gut tun und es wird anderen Menschen gut tun.”

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